Berthold
Meier, h-da, FB Media, Studiengänge Information Science (BA+MA), Studienrichtung
Bibliothekswissenschaft / Library Science
KI
in und mit Bibliotheken - ein erster thematischer Überblick
Worum soll es gehen? / Vorbemerkung
Auch in Informationseinrichtungen wie Bibliotheken rückt die KI teilweise
stärker in den Fokus der täglichen Arbeit. Diese Beobachtung gilt
vor allem für große wissenschaftliche Bibliotheken und Hochschulbibliotheken.
KI ist sicherlich "nur" eines von vielen Themen, die in der Bibliothekscommunity
diskutiert werden und damit kein "Hype"-Thema. Aber es ist auf jeden
Fall lohnend, einen kurzen Blick auf einzelne Aspekte dieser Thematik zu werfen
...
Das Thema soll nach einer kurzen Definition von KI (A) anhand
von zwei Fragestellungen und ausgewählter Beispiele (B+C)
einführend betrachtet werden ...
- wie und in welchen Dienstleistungsbereichen wenden Bibliotheken
selbst KI-Technologien an?
- wie entwickeln sich Bibliotheken zugleich auch zu einem Ort der
Bildung zum Umgang mit KI?
Abschließend soll ein kurzes Fazit (D) gezogen
und zukünftige Entwicklungen (E) angesprochen
werden.
A. KI / Definitionsmöglichkeiten
- KI: maschinelle und konstruierte
Nachbildung von Intelligenz, die sich an menschlicher Intelligenz orientiert;
unterscheiden lassen sich hierbei u.A. 2 Systeme ...
- STARKE KI:
imitiert den Menschen; lernt aus Erfahrungen u. trifft komplexe Entscheidungen;
eigenständiges und vorausschauendes Handeln --> ist derzeit noch
Zukunftsmusik
- SCHWACHE KI:
unterstützt einzelne eng begrenzte Aufgabenbereiche und nutzt hierbei
das sog. Machine Learning (maschinelles Lernen) um aus
Daten zu lernen und Muster zu erkennen; wird schon seit einigen Jahren (also
auch vor ChatGPT-Zeit!) angewendet z.B. bei ...
- Spracheingabe,
Übersetzungsfunktion, Bilderkennung, Recommender-/Empfehlungssysteme
...
- zur schwachen KI
werden auch gerechnet ...
- generative
KI-Modelle / KI-Textgeneratoren - "Chat GPT - "google-Gemini"
- können
als sog. LLMs (Large Language Modelle) natürliche Sprache
verarbeiten und kontextbezogene Antworten in natürlicher
Sprache generieren
- basieren
auf neuronalen Netzen und werden durch Machine Learning mit umfangreichen
Textmengen (Trainingsdaten) kontinuierlich trainiert
- Grenzen von
generativen Modellen ...
- können
nicht eigenständig neue Fähigkeiten erlernen, sondern
greifen lediglich auf ihre antrainierten Daten durch
Mustererkennung und statistische Wahrscheinlichkeiten zurück:
u.A. sind Verzerrungen ("Vorurteile") und sog. Halluzinationen
immer möglich
- KI-Generatoren
basieren auf Sprach-Modellen und eben nicht auf Wissens-Modellen
- KI hat keine feste Wissensdatenbank!
- ...
B. Bibliotheken
als Anwenderinnen von KI
Ausgewählte
Beispiele für KI-Anwendungen in Bibliotheken
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1. KI-Unterstützung
für die bibliothekarische Arbeitsorganisation
Öffentlichkeitsarbeit
/ Programmarbeit unterstützt von Textgeneratoren zur Erstellung von
Texten und Bildern
- Erstellen von Pressemitteilungen
- Entwickeln von
Textvorlagen / Einführungstexte in die Bibliotheksbenutzung
- Brainstorming zu
Projektideen
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2. KI-gestützte
maschinelle inhaltliche Erschließung (auf Schlagwort- bzw. Systematik-Ebene)
Medienerschließung
im aktuellen
Bestand der Deutschen Nationalbibliothek (DNB)
Beispiel für
einen Datensatz
aus dem Katalog der DNB mit Schlagwörtern und Sachgruppen
Allgemein gibt es
bei der sog. automatischen Indexierung zwei Verfahren:
- linguistische
Verfahren / Text Mining: Abgleich von Termen (Wörter und
Wortteile) aus einer digital vorliegenden Publikation mit den Termen
aus einer bereits vorhandenen Schlagwortliste (Normdatei; in der DNB
die sog. GND - gemeinsame Normdatei)
- maschinelles
Lernen / Assoziatives Verfahren: ein Modell wird anhand gekennzeichneter
Trainingsdaten erlernt, um auf diese Weise Vorhersagen über unbekannte
bzw. zukünftige Daten treffen zu können. Trainiert wird mit
Datensätzen, die bereits intellektuell mit Schlagwörtern bzw.
Systemstellen aus einer Klassifikation (Notationen) erschlossen sind
und vom KI-System als Merkmale erlernt wurden; das erlernte Modell wird
anschließend auf neue Publikation mit ihren Merkmalen angewandt.
- die DNB nutzt seit
2022 die Erschließungsmaschine "EMa"
für die maschinelle Inhaltserschließung der bei ihr
abgelieferten digitalen Medienwerke (e-books, elektronische
wiss. Abschlussarbeiten u. weitere online-Publikationen) und testet
auch den Einsatz von LLMs mittels des Toolkits Annif
(Open Source-Entwicklung der finnischen Nationalbibliothek)
- weiteres Beispiel
für die maschinelle Verschlagwortung eines e-books
Erschließung
ausgewählter Kulturgüter (kulturelles Erbe) - Datenanalyse digitaler
Bestände
- Altbestandserschließung
mit KI-Anwendungen: historische Bestände aus der Universitätsbibliothek
und dem Universitätsarchiv Tübingen werden mithilfe von Volltexten
zusätzlich zur digitalen Präsentation für die Nutzer*innen
leichter zugänglich gemacht. (Bearbeitung neuer Forschungsfragen
in großen Textmengen)
- Beispiel: handschriftlicher
Afrika-Expeditionsbericht
(Edwin Hennig, 1882-1977) von 1910 --> Handschriftliche Reisetagebücher
werden mit TRANSKRIBUS (Handschriften- und Texterkennungs-Software)
nach den Regeln des Machine Learning digitalisiert; ChatGPT
ergänzt die Digitalisate, hilft Schlüsselbegriffe
und Schlagwörter zu ermitteln und erstellt Kurzinhaltsangaben
einzelner Textabschnitte.
KI-Empfehlungssysteme
(Recommender) in Bibliothekskatalogen
- Katalog
der Stadtbibliothek München
- Neues KI-Tool gibt Lektüretipps: zu einem recherchierten Medium
erhält man weitere ähnliche Medien, die thematisch passen
u. weiteren Lesestoff liefern. Eine KI analysiert dazu im Sinne
des Machine Learning die Klappentexte der Bücher und setzt
andere Publikationen aus dem Gesamt-Bestand in Bezug.
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3. Dialog-
und Assistenzsysteme (Chatbots)
- Katalog-Chatbots
- KI-Empfehlungs-Chatbot
(Verbund der
Öffentlichen Bibliotheken Berlins) mit Medienempfehlungen,
z.B. "ich suche einen Roman für den Urlaub, der am Meer
spielt".
- LLM (ChatGPT
4o.mini) in Verbindung mit einem Datenbank-Abzug des Verbundkataloges
der Berliner Öffentlichen Bibliotheken
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C. Bibliotheken als Ort der Bildung über KI
Vermittlung von KI-Kompetenzen
(KI-Literacy) durch Bibliotheken |
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Bibliotheken können
dazu beitragen, ein grundlegendes Verständnis von KI-Konzepten
und -Technologien zu vermitteln
Beispiele
...
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Wichtige Kompetenzen
und Inhalte, die von Bibliotheken zur KI-Literacy vermittelt werden sollten
...
- Kritische
Bewertung von KI-Anwendungen: Es ist wichtig, die Möglichkeiten
und Grenzen von KI zu verstehen und kritisch zu hinterfragen
- Grenzen
insbesondere von generativer KI aufzeigen
- Gefahren
der Verzerrung (Bias) u. Halluzinationen
- Herkunft
und Umfang der verwendeten Trainingsdaten häufig unklar ("Black-Box"-Gefühl)
- keine konsistente
Reproduzierbarkeit der Ergebnisse und Rückmeldungen: selbst
mit demselben Prompt variieren die Antworten
- Förderung
von Tool-Kompetenz unterstützen
- Bedeutung
eines optimalen und kontextspezifischen Promptings bei LLMs
- Iterationskompetenz
als Schlüsselkompetenz mit KI (vgl. Seeliger/Langer/Kasprzik
2025)
- Benötige
ich für mein Informationsproblem überhaupt ein LLM?
- Benötige
ich für meine Recherche ein sog. KI-Recherche-Tool? (welches
die Inhalte aus Fachdatenbanken nur unzureichend erfasst!)
- Hier kann
KI (bisher) auch keine klassische bibliothekarische Recherche
ersetzen
- Integration von
KI-Tools beim Schreibprozess
- KI u. gute
wissenschaftliche Praxis: Nutzung von KI muss transparent und
sachgerecht angegeben werden
- Hilfsmittelangabe
und Art der Nutzung, Angabe verwendeter Prompts
- Ethische
Aspekte: Bibliotheken sollten
auch dazu beitragen, die ethischen Implikationen von KI zu diskutieren
und zu reflektieren
- der Ressourcenverbrauch
beim Einsatz von KI, insbesondere der Abfrage von LLMs ist enorm
- Energie-
und Wasserverbrauch beim Training u. Betrieb von LLMs kann solche
Ausmaße annehmen, dass er den Klimawandel signifikant weiter
beschleunigt (vgl. Kasprzik 2025)
- man sollte
solche Modelle wählen, die zur eigenen Anwendung passen
und dabei möglichst ressourcenschonend sind
- für
Faktenfragen braucht man kein LLM (da genügt eine einfache
google-Recherche)
- Wenn
LLMs zum Einsatz kommen: kurze, präzise Prompts verwenden;
je mehr Text, desto mehr Rechenleistung u. Energieverbrauch
- Gesellschaftliche
Folgen bedenken ...
- beim Erstellen
von KI:das
Labeling und händische Nacharbeiten von Trainingsdaten
durch Menschen aus Schwellen-/Niedriglohnländern ist nicht
unproblematisch (vgl. Bach 2024)
- bei Umgang
mit KI: Folgen übermäßiger KI-Nutzung
"Gehirn gewöhnt sich an Passivität": wer nur
KI-Generiertes übernimmt ohne sich damit aktiv auseinanderzusetzen,
verliert allmählich Denk- u. Reflexionsfähigkeit sowie
seine Kreativität (MIT-Media-Lab-Studie 2025)
- Datenschutz
und informationelle Selbstbestimmung: Schutz personenbezogener
Daten bei KI-Nutzung
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D. Fazit
- KI-Entwicklungen schreiten
rasant voran und man muss ständig "am Ball bleiben".
Hier dürfen sich Bibliotheken nicht verschließen, sondern sollten
die Möglichkeiten/Potentiale von KI für sich selbst eruieren
und zugleich auch an die Öffentlichkeit ("KI-Kompetenz")
vermitteln ...
- weder "übertriebene
Euphorie" noch "pauschale Ablehnung" sind angezeigt:
"Bibliotheken sollten einen pragmatischen und fachlich neutralen Ansatz
verfolgen, der die Chancen der Technologie nutzt, ohne dabei bibliothekarische
Grundwerte wie Datenschutz, Informationsfreiheit und kritische Medienkompetenz
aus den Augen zu verlieren." (Langer 2025, S. 10)
- Grundkenntnisse
in KI werden künftig zum bibliothekarischen Berufsprofil gehören.
(Reibel-Felten/Seeliger 2025, S. 200)
- KI sollte zielgerichtet
eingesetzt werden und als Werkzeug betrachtet werden,
das aufwändige und langwierige Prozesse (z.B. Erschließung von
Medien) vereinfacht
bzw. unterstützt und somit zu einer Arbeitsentlastung führt.
E. Wie könnte
die Zukunft von KI in Bibliotheken aussehen?
- Autonome Systeme übernehmen
als Service-Roboter verstärkt logistische Prozesse
(Transport, Inventur ...)
- Personalisierte
Informationsdienste: KI-Systeme analysieren die Nutzenden-Gewohnheiten
und geben individuelle Empfehlungen (Leselisten, Vorschläge
für Forschungsliteratur)
- Bibliotheken bieten
qualitätsgeprüfte KI-Rercherche-Assistenztools an, die
bei der Literatursichtung, Datenanalyse und beim Zitieren helfen
- Bibliotheken entwickeln
sich zu KI-Kompetenzzentren und werden wichtige Akteure bei
der Sicherstellung von vertrauenswürdiger KI
Herzlichen Dank für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit
Fragen / Anmerkungen / Ergänzungen
Wie kann das Thema
in einer Masterveranstaltung projektartig behandelt werden?
Projektbereich zur
KI in Bibliotheken |
| Evaluierung
/ Begutachtung automatischer Erschließungssysteme in Bibliotheken
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| Überblick
und Evaluierung von Chatbots in Bibliotheken
- Recherche-Chatbots
- Service-Chatbots
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Evaluierung
/ Analyse von KI-Kompetenzmodellen
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Forschungsunterstützende
Dienstleistungen - Bestandsaufnahme, Klassifikation und erste Bewertung
von Angeboten
- LLM-Modelle zur
semantischen Erkundung von Recherche-Begriffen (Recherche-Vorbereitung)
- vgl. hierzu
auch: Eigelsach, J.:
Evaluation von offenen Large Language Modellen zum Einsatz in Bibliotheken
(PPT)
- KI-gestützte
Rechercheassistenten / Recherche
mit KI-Tools
- insbesondere
Recherchequalität: Recall u. Precision
- wie faktenbasiert
und nachvollziehbar sind die gelieferten Ergebnisse?
- vgl. hierzu
auch ausführlich:
- Lahrsow,
M.: KI-Tools für die wissenschaftliche Literaturrecherche
- eine Standortbestimmung (PPT)
- Popall,
A./Stawenow, D.: Information Retrieval und KI : Von der
Datenbankabfrage über Suchmaschinen zum Einsatz von KI
– was heißt das für Bibliotheken im Kontext
der klassischen Literaturrecherche? (PPT)
- KI-Schreib-Tools
und gutes wissenschaftliches Prompting
- Formulieren
mit KI
- Zitieren u.
Paraphrasieren mit KI
- Transkriptionen
mit KI
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Entwicklung
eines Lehrveranstaltungsformates zu einem ausgewählten KI-Literacy-Thema
Die Planung einer
erfolgreichen KI-Literacy-Veranstaltung erfordert sorgfältige Überlegungen
und eine strukturierte Herangehensweise. Hier sind einige wichtige Schritte,
die Sie beachten sollten:
- Veranstaltungsformat
und -dauer
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Weiterführende
und verwendete Infos und Quellen rund um das Thema "KI in Bibliotheken"
- Ernst, L.: Bibliotheken
im Zeitalter von KI - strategische Auseinandersetzung mit KI an und zwischen
Universitätsbibliotheken in Deutschland, Masterarbeit HU Berlin, 2024
- Menschenzentrierte
KI: Erste Schritte für die Anreicherung von Bibliotheksarbeit (zbw)
- KI in wissenschaftlichen
Bibliotheken, Teil
1: Handlungsfelder, große Player und die Automatisierung der Erschließung
- KI in wissenschaftlichen
Bibliotheken, Teil
2: Spannende Projekte, die Zukunft von Chatbots und Diskriminierung durch
KI
- KI in wissenschaftlichen
Bibliotheken, Teil
3: Voraussetzungen und Bedingungen für den erfolgreichen Einsatz
- Balcik/Ernst/Seeliger:
Bibliotheken
und KI: in den Startlöchern mit Plan oder nur vereinzelt unterwegs?
(Umfrage, 2024), in: B.I.T. online 27 (2024), S. 489-492
- Renn, O.: Von
Forschenden oft unterschätzt: Erfolgreicher forschen mit Informationskompetenz,
zukunftsfähige Wissenschaftler ausbilden - systematische Vermittlung
von Informationskompetenz, in: Bibliothek, Forschung u. Praxis 49 (2025),
S. 36-46
- Guliani/Welte/Künzle
et al.: Wie
verändert künstliche Intelligenz (KI) Informationskompetenz (IK)?
(ETH Zürich 2023)
- Tschopp, Lukas: Förderung
von KI-Literacy - ein Beitrag wissenschaftlicher Bibliotheken zu einer ganzheitlichen
Ausbildung, in: Bibliotheksdienst 59 (2025), S. 290-294
- Dreisiebner/Griesbaum/Michel/Tappenbeck/Wittich:
Informationskompetenz
und künstliche Intelligenz-Konzepte, Herausforderungen u. Chancen,
ein Beitrag der Fachgruppe IK der KIBA (Hildesheim 2024)
- Bach, N.: KI
in Bibliotheken vor und nach dem Aufkommen von ChatGPT: Eine kritische
Diskursanalyse. Zenodo, 2024
- Kasprzik, A.: Die
KI(rche) im Dorf lassen, Pladoyer für eine klima- und sozialverträgliche
Nutzung Künstlicher Intelligenz, in: o-bib 2025/4, S. 1-9
- Joost, M. et al.: Strom,
Wasser & Co, wie klimaschädlich sind KI-Chatbots?, GEO-Text-
u. Video-Beitrag vom 1.9.2025
- Kosmyna, N. et al.: Your
Brain on ChatGPT: Accumulation mof Cognitive Debt when Using an AI Assistant
for Essay Writing Task, MIT-Media-Lab 2025
Copyright: B. Meier